„Ni Bett noch Empathie“: Kubaner verwandeln die Mauer von ‚Chapeando bajito‘ in ein Volksgericht gegen Díaz-Canel

Die Veröffentlichung des offiziellen Programms „Chapeando bajito“, um Díaz-Canel zu verteidigen, verwandelte sich in ein Forum kollektiver Empörung. Tausende von Kubanern reagierten mit Ironie, Wut und Scharfsinn: „Klarheit schafft nur Verwirrung.“

Arleen Rodríguez Derivet und Miguel Díaz-CanelFoto © X / @DiazCanelB - CiberCuba

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Die Propaganda wollte ihren Präsidenten retten und stellte ihn letztendlich bloß. Die offizielle Seite von Facebook des Programms ‘Chapeando bajito’, die gewohnt war, Slogans ohne Aufregung zu wiederholen, verwandelte sich diese Woche in einen hitzigen öffentlichen Platz.

Das, was als eine „Erläuterung“ über das Video gedacht war, in dem der Regierungschef Miguel Díaz-Canel aufgeregt und rüde auf Francisca  - eine ältere Dame, die durch den Hurrikan Melissa betroffen war - reagierte, verwandelte sich in ein Volksgericht.

Bildschirmaufnahme Facebook / Chapeando

Die Frage, die die Veröffentlichung einleitete — „Was antwortete Díaz-Canel einer Frau in Granma, als sie ihm sagte, dass sie kein Bett und keine Matratze habe?“ — erhielt eine Flut von Antworten.

Hunderte von Kubanern, innerhalb und außerhalb der Insel, füllten die Wand des offiziösen Programms mit Sätzen, die in anderen Zeiten kaum die Zensur bestanden hätten: „Es geht nicht darum, was er gesagt hat, sondern wie er es gesagt hat“.

„Zeigt das Video“; „Video tötet die Erzählung“; „Klarstellungen verschleiern“, waren Antworten, die in verschiedenen Varianten wiederholt wurden, alle angetrieben von der Empörung über die dreiste Manipulation der „Seelenverwandten“ von Díaz-Canel, der offiziellen Journalistin Arleen Rodríguez Derivet.

Ein "Widerspruch" ohne Video

Der Text von ‘Chapeando bajito’ bot eine Transkription, aber nicht das vollständige Video. Das genügte, um das Feuer zu entfachen. „Und warum stellen sie es nicht ein? Ist das Gesicht und der Ton auch bearbeitet?“, schrieb eine Frau.

Otro Benutzer fasste das allgemeine Gefühl zusammen: „Wenn sie das Originalvideo haben, zeigen Sie es. Alles andere ist Geschichtenerzählen“. Die Bitte wurde immer wiederholt: „Zeigen Sie das Video“; „Es gibt nichts Bearbeitetes“ [als Antwort auf das Argument des Regimes der teilweisen Verbreitung dessen, was passiert ist]; „Wurde das Handgreifliche auch manipuliert?“.

Die Mauer verwandelte sich in eine Art virtuelle Manifestation, in der Transparenz der neue politische Ruf war.

Vom Paternalismus zur Diskreditierung

Zum ersten Mal äußerten sich viele Kommentatoren, die sich zuvor vorsichtig geäußert hatten, mit einer verheerenden Offenheit.

„Weder ein Bett noch Empathie“, schrieb ein Nutzer, was fast zu einem Motto wurde. Eine andere Frau ergänzte: „Díaz-Canel wurde nicht kritisiert, weil er kein Bett in der Tasche hatte, sondern weil er mit Verachtung geantwortet hat. Wenn jemand dir sagt ‚Ich habe alles verloren‘, antwortet man nicht ‚Ich habe dir auch nichts zu geben‘. Man sagt ‚Es tut mir leid, wir werden eine Lösung finden‘. Das ist kein Populismus, das ist Menschlichkeit“.

Der Text wurde dutzende Male geteilt, kopiert und zitiert, mit kleinen Änderungen und neuen Nuancen. Einige nannten es „die Meisterklasse, die die Regierung niemals verstehen wird“.

Der Gegensatz zwischen der offiziellen Rhetorik —die von einem „Rufmord“ sprach— und der allgemeinen Wahrnehmung war absolut: „Rufmord? Der Ruf hat sich selbst umgebracht“, antwortete ein Kommentator.

Otro remató: „Das Volk tötet keine Ruf, es begräbt sie“.

Humor und Wut

El Humor, diese alte kubanische Ventil, brach als Widerstandswaffe hervor. Als eine Nutzerin den Präsidenten verteidigte und sagte, dass „die Antwort korrekt war“, prasselten die Reaktionen auf sie nieder: „Was frühstückst du, Genossin?“; „Celia steht aus dem Grab auf und gibt dir einen Keks der Kontinuität“; „Arme Frau, wenn er so zuhause antwortet“.

Entre Lachen und Sarkasmus schlich sich eine bittere Wahrheit ein: selbst in den am stärksten kontrollierten Räumen ruft die offizielle Sprache mehr Spott als Respekt hervor. Ein anderer kommentierte: „Netflix würde es lieben, den Drehbuchautor dieses Beitrags einzustellen“.

Einige schlossen mit korrosivem Humor: „Er ging mit leeren Händen, um zu sagen, dass er nichts zu geben hatte“; „Zusammenfassung der Reise: weder Matratzen noch Mitgefühl“.

Der Mythos der „Kontinuität“ zerbricht

Verschiedene Benutzer riefen den Gegensatz zum Diktator Fidel Castro ins Gedächtnis, nicht aus Nostalgie, sondern um den Sturz des Mythos zu unterstreichen.

„Fidel hätte niemals so reagiert“; „Der Kommandant hatte Charisma; dieser hat nur Arroganz“; „Sie reden viel von ‚Kontinuität‘, aber das Einzige, was sie fortsetzen, ist die Schamlosigkeit“.

Der Gebrauch der Vergangenheit (“Fidel war”, “Fidel machte”) fungierte wie ein Spiegel, in dem die Gegenwart schiefer reflektiert wird. Und zwischen Ironie und Wut entdeckten viele Nutzer eine gemeinsame Vorstellung: die sogenannte “Revolution” repräsentiert niemanden mehr, sie verteidigt nur die Interessen derjenigen, die ein totalitäres Regime regieren.

Von der Defensive zur Zersetzung

Die wenigen Verteidiger der Regierung versuchten, die Rhetorik von "Einheit" und "Gelassenheit" zu retten. Ihre Kommentare wurden von einer Flut von Antworten überrollt.

„Die Tiere haben keine Gefühle“; „Gleichmut mit Hunger existiert nicht“; „Einheit? Zuerst Respekt“, antworteten die Internauten.

Der Duktus der Leser schwankte zwischen moralischer Empörung und politischer Kritik. Viele beleidigten nicht; sie argumentierten: „Ein guter Politiker muss nicht alle Antworten haben, aber er braucht Respekt“; „Redet nicht von wirtschaftlicher Blockade, wenn die grauenhafteste Blockade die alltägliche Verachtung ist“.

Esa letzte Satz —wiederholt und applaudiert— fasste zusammen, was das offizielle System niemals zu verstehen vermag: das Problem ist nicht nur materiell, es ist moralisch.

"Das Bett kann warten. Die Würde nicht."

Unter den hunderten von Kommentaren wurde diese Zeile zu einem fast emblematischen Ausdruck. Sie tauchte in Antworten, Memes und Hashtags auf.

Jemand schrieb es in Großbuchstaben: „DAS BETT KANN WARTEN. DIE WÜRDE NICHT.“ Andere übernahmen es als Schlussfolgerung in ihren persönlichen Profilen, eine Art Aufschrei nach Selbstrespekt.

Die Episode ging über die Anekdote hinaus und wurde zur Metapher: Das Bett stand für das Materielle; die Würde war das, was das Volk fühlte, dass man ihm geraubt hatte.

Der digitale Spiegel

Die Veröffentlichung von ‘Chapeando bajito’ verwandelte sich in ein unfreiwilliges Porträt des realen Landes: ein Raum, in dem die Menschen ohne Erlaubnis sprechen, wo die Angst bricht und die Ironie zum Argument wird.

„Wir sind nicht der Feind, wir sind diejenigen, die nicht länger schweigen wollen“; „Früher haben sie uns mit Reden getäuscht. Jetzt haben wir das Internet“; „Spielt das Video ab und haltet den Mund“.

Die Zensur konnte die Welle nicht aufhalten. Die kritischsten Kommentare verschwanden innerhalb weniger Stunden von der Seite, doch viele Nutzer hatten sie zuvor kopiert. Der Effekt war das Gegenteil von dem, was beabsichtigt war: der Versuch, die Kommentare zu verbergen, führte nur zu einer verstärkten Empörung.

Ein Misserfolg auf eigenem Terrain

Der Fall 'Chapeando bajito' zeigte etwas, was die kubanische Macht noch nicht zu bewältigen weiß: den Verlust des emotionalen Monopols.

Über Jahrzehnte dictierte der Staat, was man fühlen sollte: Dankbarkeit, Widerstand, Glauben. Jetzt antwortet das Volk mit Ironie, Klarsicht und Schmerz.

Auf seiner eigenen Mauer hörte das Regime das, was es niemals hören wollte: dass seine Rhetorik nicht mehr überzeugt, dass Empathie nicht mit Parolen hergestellt wird und dass kein Dementi die Wahrheit eines Gestes auslöschen kann.

“Es war nicht das, was er gesagt hat. Es war, wie er es gesagt hat. Und dieses Wie sagt alles”.

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